Der lange Atem der Frauenbewegung

Die Frauenbewegung ist eine Geschichte vieler Stimmen und mitunter auch erhobener Fäuste.

„I can’t believe I still have to protest this fucking shit” stand auf dem Plakat einer polnischen Bürgerin, die 2016 für das Recht auf Abtreibung protestierte, geschrieben. Das Bild von Plakat und Demonstrantin ging viral, der Ausspruch ist mittlerweile ein geflügeltes Wort für die berechtigte Indignation über unhaltbare Zustände und auch als T-Shirt-Aufdruck zu haben. Der Ausspruch deutet auch eine zeitliche bzw. geschichtliche Dimension an: Viele soziale Kämpfe fordern den Engagierten einen langen Atem ab. Die Frauenbewegung kann gleich auf mehrere Jahrhunderte zurückblicken.

Geschichten von sozialen Kämpfen

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein mehrere Jahrhunderte überspannendes gesellschaftliches und geschichtliches Phänomen vielgestaltig ist. Die Rede von einer „Geschichte der Frauenbewegung“ ist in diesem Sinne zu kurz gegriffen. Vielmehr handelt es sich um Geschichten im Plural – Erzählungen von sozialen Kämpfen für Gleichberechtigung, Gleichstellung und eine gerechtere Geschlechterordnung. Hier stellen wir einige Meilensteine vor.

Gleichberechtigung in Zeiten der Aufklärung

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ – der Schlachtruf der Französischen Revolution im 18. Jahrhundert ruft mit der Autorin und Schriftstellerin Olympe de Gouges (1748-1794) eine erste Frauenrechtlerin auf den Plan. De Gouges veröffentlicht nicht nur Theaterstücke, die sich mit der sozialen Frage beschäftigen, sie fordert auch offensiv die Verwirklichung von Frauenrechten.

Die siebzehn Artikel der „Erklärung zu den Rechten der Frau und der Bürgerin“, die sie 1791 publiziert, können parallel zur Erklärung der Menschenrechte gelesen werden. Der erste Artikel ihrer Erklärung lautet „Die Frau ist frei geboren und dem Manne gleich an Rechten“. Außerdem appelliert sie leidenschaftlich an die Frauen ihrer Zeit, die Stunde zur Emanzipation zu nutzen und das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen: „Frau wach auf! Die Sturmglocke der Vernunft ist auf der ganzen Welt zu hören!“

Wie revolutionär ihre Forderung nach Gleichberechtigung und Gleichstellung ist und wieviele Jahre es dauern würde, bis diese Ermächtigung Realität werden würde, zeigt sich im historischen Kontext. In Deutschland wird die Gleichstellung von Frauen und Männern zum Beispiel erst 150 Jahre später, nämlich 1949, gesetzlich festgeschrieben. Mehr zu Olympe de Gouges erfahrt Ihr hier.

Die Frauenbewegung im 19. Jahrhundert

Im Vormärz des 19. Jahrhundert nehmen soziale Kämpfe für mehr Gerechtigkeit und Gleichberechtigung Fahrt auf. Die in diesen Auseinandersetzungen engagierten Frauen werden – auch abfällig ­- wegen ihrer rechtebasierten Agenda „Frauenrechtlerinnen“ genannt. Zu ihren Zielen gehören

  • das Recht auf Erwerbsarbeit,
  • das Recht auf Bildung,
  • das Recht auf aktives und politisches Handeln,
  • eine neue Gesellschaftsordnung.

Die verschiedenen Strömungen verfolgen alle diese Zielsetzungen – wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten. So fordert die bürgerlich-gemäßigte Frauenbewegung beispielsweise das Kommunalwahlrecht für Frauen, die Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten von Frauen und die Anerkennung der Erwerbsarbeit von besonders benachteiligten Berufsgruppen wie Dienstbotinnen oder Schauspielerinnen. Die bürgerlich-radikale Frauenbewegung geht einen Schritt weiter: Frauen sollen das volle Wahlrecht auf nationaler Ebene und Zugang zu den Universitäten haben. Diese Forderungen vertreten sie teilweise gemeinsam mit Sozialistinnen. Allen Feministinnen geht es um die Schaffung einer Gesellschaft auf der Grundlage einer neuen sittlichen, gerechteren Ordnung.

Der Erste Weltkrieg ändert das Rollenbild der Frau fundamental. Während Frauen aus der Arbeiterklasse schon immer durch Erwerbsarbeit zum dürftigen Familieneinkommen beitragen mussten, werden jetzt Millionen bürgerliche Frauen berufstätig, um die Männer, die an der Front waren, an den Arbeitsstätten zu ersetzen. Das Kriegsende ändert an diesem Umstand wenig: Viele Männer kamen invalide und erwerbsunfähig aus dem Krieg zurück und die Frauen bleiben in Lohn und Brot, um als Alleinverdienerinnen den Unterhalt der Familie zu sichern.

Die Neue Frau

Die Entbehrungen der Kriegsjahre, die Deutsche Inflation (mehr Informationen sind unter diesem Link zu finden) und die prekäre Lage der Kriegswitwen und Kriegswaisen führen schon während der Kriegsjahre zu sozialen Unruhen und Kämpfen, an denen auch Frauen beteiligt sind. Mit dem Ausrufen der Republik im Deutschland 1918 ist der Weg auch konstitutionell frei für gesellschaftliche Veränderungen. Im selben Jahr wird das Frauenwahlrecht und die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Reichsverfassung eingeführt.

Die Frauenbewegung ist eine Geschichte vieler Stimmen und mitunter auch erhobener Fäuste.

Die Geschichte der Frauenbewegung ist vielfältig und vielstimmig. (©gettyimages_olena_yepifanova)

In den darauffolgenden Jahren – den sogenannten „Goldenen Zwanzigern“ – werden viele Errungenschaften der gesellschaftlichen Umbrüche auch an neuen Frauenbildern sichtbar. Mit der „Flapper“ und der „Garconne“ betreten – zumeist in Großstädten – Frauentypen die Bühne, die für die Weimarer Republik ikonisch werden. Die jungen Frauen sind häufig berufstätig, tragen Bubikopf, rauchen in der Öffentlichkeit, besuchen Jazzlokale und lebten auch sonst ein Leben, deren Errungenschaften in der Kaiserzeit mit seinen tradierten, engen Geschlechterbildern undenkbar waren. Die „Neue Frau“ verkörpert die Freiheiten und die Verheißungen einer neuen Zeit, die mit dem Aufkommen des deutschen Faschismus ein abruptes Ende fand.

Mehr erfahrt Ihr in der nächsten Folge zur Geschichte der Frauenbewegung.