Industrielle Revolution in Deutschland

Die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufkommende industrielle Revolution hatte ihren Ursprung in England, bevor sie verstärkt im 19. Jahrhundert ganz Europa in ihren Bann zog und letztendlich in den USA Einzug hielt. Im späten 19. Jahrhundert schwappten die Ideen und Vorgaben der industriellen Revolution im Zuge eines Effekts der Globalisierung auch nach Japan und Asien über.

Laut des Wirtschafts- und Sozialhistorikers Hubert Kiesewetter gelang der Industrialisierung in Deutschland 1815 der Durchbruch; andere Historiker wie zum Beispiel Friedrich-Wilhelm Henning (1931 – 2008) datieren den Zeitpunkt wiederum auf 1835. Allerdings gab es bereits seit dem Wechsel vom 18. ins 19. Jahrhundert in Deutschland Anzeichen einer gewerblichen Expansion.

Schon zu dieser Zeit entstanden nämlich erste Manufakturen, die Arbeitsteilung und Massenproduktion vollzogen. Auch die Protoindustrie hatte in einigen Gebieten bereits Fuß gefasst.

Die Anfänge der industriellen Revolution

Im Laufe der industriellen Revolution kam es in Deutschland zu einer tiefgreifenden Umgestaltung sowohl der wirtschaftlichen sowie der sozialen Verhältnisse als auch der allgemeinen Arbeitsbedingungen und der häufig vom Pauperismus (vorindustrielle Massenarmut) geprägten Lebensverhältnisse; bezeichnend für die industrielle Revolution ist der Übergang von der traditionellen Agrar- zur modernen Industriegesellschaft.

Im Zuge dieser Umwälzungen gewannen mit den lohnabhängigen Proletariern und den kapitalistischen Unternehmern zwei sich gegenüberstehende Gesellschaftsklassen enorm an Bedeutung. Allerdings verlief in Deutschland die Industrialisierung recht schleppend. Erst als die Märzrevolution in Preußen (1848/49) scheiterte, kam die industrielle Revolution in Deutschland erst richtig auf Touren; ab etwa 1870 folgte dann die Phase der Hochindustralisierung.

In diesem Jahr belegte Deutschland sogar den vierten Rang im Hinblick auf die Weltproduktion. Förderlich war hier aber auch der zuvor erfolgte Zusammenschluss des süddeutschen und des preußischen Zollvereins zum Deutschen Zollverein, dem bis zum Jahr 1854 alle deutschen Staaten beitraten; somit war ein einheitlicher Wirtschaftsraum entstanden.

Aller Anfang war aber schwer. Während der Frühindustrialisierung und auch noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein, wurden in Deutschland insbesondere in den meist fabrikähnlichen Betrieben die ersten mechanischen Erfindungen (Spinnmaschinen, mechanische Webstühle etc.) eingesetzt. Neben der Herstellung von Konsumgütern konzentrierten sich die Betriebe auf die Verarbeitung von Argrarprodukten.

Pferde machten lange Zeit die Arbeit von Dampfmaschinen

Pferde machten lange Zeit die Arbeit von Dampfmaschinen

Zudem nahm die Baumwollspinnerei bzw. die Baumwollverarbeitung eine dominierende Rolle ein, wobei gerade Sachsen, Preußen und Baden Vorreiterrollen übernahmen. Die Textilindustrie gab dabei quasi einen Anstoß zur Entwicklung und Entstehung weiterer Industriezweige. Im Gegensatz zu England nahm die Textilindustrie in Deutschland nämlich keine Führungsposition ein, da Wachstum und Dynamik zu gering waren. Stattdessen kristallisierten sich hier der Eisenbahnbau und die Eisenindustrie als die Schlüsselwirtschaftszweige heraus.

Kohle, Eisenbahnen und die Gründerjahre

Ein diesbezüglich wichtiger Indikator war der Bergbau, der im industriellen Fokus nach oben rückte und es in der Folge zu einer verstärkten Nutzung von Steinkohle kam. Verschiedene Wachstumsvorgänge förderten dabei die steigende Energienachfrage. So war gleichzeitig ein starker Anstieg der Eisenherstellung und vor allem der Stahlproduktion zu beobachten; zudem wurden immer mehr Maschinen (Lokomotiven etc.) gebaut, da die Verkehrsleistungen der Eisenbahnen immer gefragter waren.

Diese stetig steigende Nachfrage nach Brennstoff bzw. Steinkohle sowie auch Industriegütern führte dann wiederum zu einem nahezu flächendeckenden Ausbau des Eisenbahnnetzes, wofür dann eben wieder neue Schienen und Lokomotiven benötigt wurden. Daher waren gerade zwischen 1850 und 1870 der Bergbau, die Schwerindustrie und der Eisenbahnbau prägnante Charakteristika der industriellen Revolution in Deutschland.

Dampfmaschine (c) Panther unter GNU-Lizenz

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Zu dieser Zeit wurde auch der Mythos des Kohlereviers als industrielles Herz Deutschlands begründet. Die bedeutendsten Kohlereviere bestanden in Preußen, im Saarland, in Oberschlesien und vor allem im Ruhrgebiet.

Durch das Nutzen von Dampfpumpen (basierend auf der Erfindung der Dampfmaschine) fördern die Gruben um 1860 über zwei Millionen Steinkohle, wobei gerade Konzerne wie zum Beispiel das schwerindustrielle Unternehmen Krupp, das 1873 rund 13.000 Arbeitskräfte zur Verfügung hatte, ihre vornehmlich aus Polen und Ostdeutschland rekrutierten Arbeiter in immer tiefer gelegene Flöze schickten.

Dabei war Krupp erst im Laufe der industriellen Revolution und seiner parallel verlaufenden Gesellschaftsgeschichte von einem Kleinbetrieb mit 67 Arbeitern zu einem Riesenbetrieb angewachsen. In diesem Zusammenhang sind auch die Rollen der Banken zu betrachten. Ab etwa 1870 intensivierten diese nämlich die Industriefinanzierung, was die Industrialisierung weiter vorantrieb. Diesbezüglich kam es dann auch in den so bezeichneten Gründerjahren (1871 – 1873) zu zahlreichen Neugründungen von Unternehmen, Kapitalgesellschaften sowie Großbanken.

Wandel in der Gesellschaft

Im Laufe der industriellen Revolution veränderte sich aber nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Gesellschaft an sich; gesellschaftliche Problemlagen, soziale Gruppen sowie neuere und ältere Lebensweisen vermischten sich zusehends. Das 19. Jahrhundert gilt diesbezüglich als die Geburtsstunde des unterschiedlich ausgeprägten Bürgertums (Kleinbürgertum, Stadtbürgertum, Bildungsbürgertum, Wirtschaftsbürgertum etc.) sowie der Arbeiterschaft.

Die arbeitenden Klassen vollzogen dabei – aufgrund der durch die Industrie generierten neuen Verdienstmöglichkeiten – einen umfassenden Mentalitätswandel. Sie fühlten sich schlichtweg ungerecht behandelt und bezahlt. Da sich auch im Zuge der industriellen Revolution gerade zu Lasten der abhängig Arbeitenden zu sozialen Missständen kam, geriet die so bezeichnete Soziale Frage in den Mittelpunkt aller Diskussionen. Für weiterführende Informationen ist das Werk von Hans-Werner Hahn „Die Industrielle Revolution in Deutschland“ sehr empfehlenswert.

 

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